Die Kritik am schleppenden Impfstart hierzulande war deutlich. Deutschland stehe „viel schlechter da als andere Länder“, beklagte etwa SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil im ARD-„Morgenmagazin“. Er betonte zwar, die gemeinsame Beschaffung des Corona-Impfstoffs auf EU-Ebene sei richtig gewesen. „Aber Europa muss ja nicht automatisch langsamer bedeuten.“
Die Bundesregierung verteidigte ihre Entscheidung, den Impfstoff auf europäischer Ebene zu beschaffen. „Wir sind überzeugt, dass das der richtige Weg war und ist“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Berlin stehe zu dieser „Grundsatzentscheidung“. Der europäische Zusammenhalt habe sich gerade in der Pandemie als wichtig erwiesen.
WELT beantwortet die wichtigsten Fragen zum Impfstart in Europa und ordnet die Kritik daran ein.
Gibt es auch in anderen EU-Ländern Kritik an der gemeinsamen Impfstoffbeschaffung?
Die Debatte wird bislang vorrangig in Deutschland geführt, wo bis zum Wochenende 240.000 Menschen geimpft wurden. In Belgien sind bisher lediglich 700 Personen und in Frankreich knapp 600 Personen geimpft worden, in den Niederlanden praktisch noch niemand. In diesen Ländern gilt Deutschland als Vorbild bei den Impfungen, und die Verteilung über die EU ist kein großes Thema. Auch in Italien gibt es keine laute Kritik am europäischen Kurs.
Wären schon mehr Deutsche geimpft, wenn Berlin den Impfstoffeinkauf national organisiert hätte?
Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, möglicherweise aber hätten ein nationaler Alleingang und ein früherer Einkauf des in der EU zuerst zugelassenen Impfstoffs von Biontech und Pfizer die Impfraten in Deutschland gerade in den ersten Wochen durchaus erhöhen können. Allerdings: Der Unterschied wäre wohl nicht besonders groß gewesen, da Biontech und Pfizer bis zum Jahresende weltweit nur 50 Millionen Impfdosen produzieren konnten. Zudem: Die EU-Partner hätten Berlin im Fall eines Alleingangs Egoismus vorgeworfen und womöglich alte Ressentiments wiederbelebt.
Die Verteilung des Impfstoffs über die EU – wobei die Europäische Kommission verhandelte und alle 27 Staats- und Regierungschefs den Ergebnissen zustimmten – führt dazu, dass jetzt auch kleinere Länder zu den gleichen Bedingungen wie Deutschland oder Frankreich an Impfstoffe gelangen. Sie wären sonst wohl vorübergehend leer ausgegangen, weil sie über keine so starke Verhandlungsmacht verfügen. Für Deutschland hätte wegen der engen wirtschaftlichen Verflechtungen in Europa aber ein echtes Problem entstehen können, hätten zahlreiche Nachbarländer wie die Niederlande, Belgien oder Österreich mangels Impfstoff monatelang deutlich höhere Infektionsraten gehabt.
Wie sah die Strategie der EU beim Einkauf der Impfstoffe aus?
Erstens: Alle EU-Länder sollten gleichbehandelt werden, kein Land durfte wegen seiner geringeren Bevölkerungszahl oder niedrigeren Wirtschaftskraft Nachteile haben. Ein Wettlauf zwischen den EU-Ländern um den Impfstoff sollte verhindert werden. Erste Ansätze dazu gab es im Frühsommer bereits, zumal US-Präsident Donald Trump eine aggressive Einkaufsstrategie auf den Weltmärkten angekündigt hatte. „Der parallele Ansatz der Allianz rief leider Bedenken hervor“, schrieben darum die Gesundheitsminister von vier Mitgliedstaaten im Juni an die EU-Kommission, wie die „Bild“-Zeitung berichtete. Auf Druck von Kanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen baten die Minister von Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden die Behörde demnach, die Verhandlungen für alle zu übernehmen.
Chaos und Impfstoffmangel – Bundesregierung massiv in Kritik
Die Debatte in Deutschland über das Impfen gegen Corona wird immer heftiger. Sowohl die Bundeskanzlerin als auch Gesundheitsminister Spahn werden deswegen von allen Seiten kritisiert.
Quelle: WELT/ Christoph Hipp
Zweitens: Brüssel wollte eine Risikostreuung. Man wählte große, etablierte Impfstoffhersteller wie Sanofi-GSK, aber auch innovative Newcomer wie Moderna und Biontech aus. Bis zum Herbst war nach Angaben des Münchner Virologieprofessors Gerd Sutter noch nicht klar, welcher Impfstoff am wirksamsten sein würde. Die EU sicherte sich insgesamt rund zwei Milliarden Impfstoffdosen: bis zu 405 Millionen Dosen vom Tübinger Unternehmen CureVac, je 400 Millionen Dosen vom britisch-schwedischen Unternehmen Astra Zeneca und vom US-Hersteller Johnson & Johnson, je bis zu 300 Millionen Dosen von Biontech/Pfizer und vom französischen Hersteller Sanofi-GSK sowie 160 Millionen Dosen vom US-Hersteller Moderna.
Wieso hat die EU den Impfstoff von Bionetch/Pfizer erst so spät bestellt?
Die EU hatte bereits Ende August und Mitte September Verträge mit Astra Zeneca und Sanofi-GSK abgeschlossen. Der Vertrag mit Biontech/Pfizer kam dagegen erst am 11. November zustande. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Amerika schon doppelt so viele Impfdosen gesichert. Allerdings bezahlten die Amerikaner dafür auch einen nahezu doppelt so hohen Einkaufspreis. Insbesondere wegen der Haftungsfrage hatten sich die Verhandlungen der EU mit Biontech/Pfizer so lange hingezogen. Peter Liese, CDU-Gesundheitsexperte im EU-Parlament, der die Verhandlungen intensiv begleitet hat, sagte WELT: „Die amerikanischen Anwälte von Pfizer hatten offensichtlich in den Verhandlungen immer wieder versucht, von der Haftung bei medizinischen Folgeschäden selbst dann ausgenommen zu werden, wenn das Unternehmen einen Fehler macht. Das konnten die EU-Kommission, das Europäische Parlament und die Mitgliedstaaten nicht zulassen.“
Neben der Haftung spielte aus Brüsseler Sicht aber auch der Preis eine Rolle: Der Impfstoff von Biontech/Pfizer kostet mit 12,00 Euro pro Dose fast siebenmal so viel wie der Impfstoff von Astra Zeneca (1,78 Euro). Dabei stand die EU-Kommission von vornherein unter starkem Druck einiger osteuropäischer Mitgliedsländer, aber auch des Parlaments: Dort warnten neben Sozialdemokraten und Grünen auch große Teile der konservativen Mehrheitsfraktion EVP immer wieder vor zu hohen Kosten beim Einkauf des Impfstoffs. Markus Ferber, einflussreicher CSU-Wirtschaftsexperte im EU-Parlament, erklärte beispielsweise nach dem Vertragsabschluss mit Biontech/Pfizer Ende November in der „Zeit“: „Eine ganze Reihe an Herstellern hat innerhalb einer kurzen Zeitspanne zulassungsreife Impfstoffe präsentiert. Wir können und müssen in Bezug auf Preis, Qualität und Lagerkosten abwägen und auswählen.“ Ein dritter Grund für die Zögerlichkeit bei Biontech/Pfizer war wohl auch, dass die neuen mRNA-Impfstoffe bei einer Kühltemperatur von minus 70 Grad Celcius zugleich eine aufwendige Logistik benötigten.
Hat die EU Fehler gemacht?
Ja. Die EU hätte im August mehr Mut haben und bis zu 200 Millionen Impfstoffdosen zusätzlich von Biontech/Pfizer bestellen sollen. Denn es zeichnete sich damals schon ab, dass Biontech und Pfizer einen sehr potenten Impfstoff entwickeln würden. Doch im Nachhinein ist man natürlich immer klüger.
Die Impfstoffkandidaten und ihre Methoden im Überblick
Der erste ist schon da, weitere werden folgen: Insgesamt sechs Impfstoffe könnten 2021 die EU-Zulassung bekommen. Ein internationaler Vergleich zeigt zudem, wie Deutschland beim Impfen hinterherhinkt.
Quelle: WELT
Eine höhere Bestellung bei Biontech/Pfizer im August hätte jedoch vermutlich erst im Februar oder März zu einer höheren Impfrate in Europa geführt. Die EU hatte offenbar gehofft, dass das deutlich billigere Astra-Zeneca-Vakzin als Erstes auf den Markt kommen würde. Die geringere Wirksamkeit und die spätere Marktreife dieses Produkts wurden erst im Laufe des Dezembers deutlich.
Warum wurde ausgerechnet von dem hochwirksamen Impfstoff des US-Unternehmens Moderna so wenig bestellt und vom möglicherweise unwirksamen Sanofi-Impfstoff so viel?
Im Fall von Moderna gab es zwei Gründe für diese Entscheidung: Die EU wollte unbedingt, dass der Impfstoff in Europa produziert wird, weil man einen möglichen Exportstopp von US-Vakzinen durch Trump für möglich hielt. Für eine Produktion in Europa hatte Moderna aber nur begrenzte Kapazitäten. Zudem war der Impfstoff mit fast 15 Euro pro Einheit mit Abstand am teuersten. Sanofi wiederum war mit 7,56 Euro relativ billig. Außerdem benutzt das Unternehmen bei seinem Impfstoff ein weniger risikoreiches, traditionelles Wirkstoffprinzip. Zudem setzte sich die Regierung in Paris für Sanofi ein, ebenso wie Berlin für die deutschen Unternehmen Biontech und CureVac kämpfte.
Wann werden alle EU-Bürger geimpft sein?
Die Immunisierung der impfwilligen EU-Bürger wird wahrscheinlich bis zur Mitte des Jahres dauern. In Kürze werden neue Impfstoffe zugelassen, und Biontech/Pfizer will zudem die Produktionskapazitäten weiter erhöhen. „Außerdem wird man mit einer Ampulle des Biontech/Pfizer-Impfstoffs in Kürze sechs statt fünf Impfungen durchführen können – das sind 20 Prozent mehr Kapazitäten“, sagte EU-Gesundheitsexperte Liese. Das Licht am Ende des Tunnels wird jeden Tag ein wenig heller.
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